Tautropfen im Haar

Hörst du, wie das Lied der Bäume erklingt? Ihr sanftes Rauschen zaubert Melodien hervor und lässt die Luft ringsum vibrieren. Der Wind spielt mit ihnen das Lied des Tages, alles ringsum verharrt in erwartungsvoller Stille. Noch ist es kühl hier oben auf dem Kamm des Berges. Die Sonne ist gerade hinter dem Gipfel emporgestiegen und taucht jetzt alles in ihr weißes Licht. Zwischen den Bäumen fangen sich ihre Lichtstrahlen und reflektieren sich funkelnd im Tau der vergangenen Nacht.
Langsam erwacht der Tag und mit ihm seine Bewohner. Ringsherum beginnt es zu knistern und rascheln, überall ist ein Aufatmen zu vernehmen. Die Wesen des Waldes heißen die sanfte Wärme der Sonne willkommen und nehmen diese dankbar in sich auf.  Zart schimmernde Elfen und Feen schweben zwischen den Bäumen entlang. Lustige Gnome und Zwerge schauen aus ihren Häusern. Die Luft scheint an Freude und Leichtigkeit zuzunehmen. Überall ist ein Lachen und Lustig sein zu spüren, ein friedvolles Miteinander zwischen all den Wesen hier im Wald. 

Doch plötzlich fühlen sich alle ein wenig gestört, dringt doch ein ungewohntes Geräusch zu ihnen und signalisiert Vorsicht. Es nähern sich Menschenwesen mit ihren Schritten, die auf dem weichen Waldboden widerhallen. Alle Naturwesen ziehen sich zurück und beobachten das Geschehen. Sie sehen, wie sich zwei Kinder nähern, ein Junge und ein Mädchen. Lachend sind sie auf dem Weg unterwegs und schauen mal hierhin, mal dorthin. Plötzlich bleibt das Mädchen stehen. Intensiv schaut sie in Richtung einer kleinen Lichtung. Der Junge fragt sie, was sie gesehen hat. Aber sie kann es ihm nicht sagen, sie weiß nur, dass da eine Bewegung war, die ihren Blick auf sich gezogen hat. Der Junge will weiter, doch ihr lässt das keine Ruhe, sie setzt sich auf einen kleinen, moosbewachsenen Hügel, stützt ihren Kopf mit den Händen ab und schaut weiter auf diese Stelle. 

Nach einer Weile merkt sie, dass sie allein ist, der Junge hat seinen Weg schon fortgesetzt. Gerade will sie sich erheben, als sie wieder diese Bewegung wahrnimmt. Sie scheint näher zu kommen, so nah, dass sie ein zartes Wesen erkennen kann. Fast durchsichtig scheint ihr das Gewand, welches das Wesen ziert, es funkelt und schwebt. Es nähert sich immer weiter, bis sie beide nur noch ein Hauch trennt. Das Mädchen vermeidet es, sich zu bewegen, es will, dass das Wesen bei ihr bleibt. Denn sie fühlt sich so eingehüllt, so wunderbar leicht. Das Wesen, eine kleine Fee, berührt sie ganz sacht und streicht ihr übers Haar. Dabei verteilt sie ganz viele schimmernde Tautropfen im Haar des Mädchens. Sie strahlt jetzt mit der Fee um die Wette und als diese sie an die Hand nimmt und zu einem kleinen Bach führt, erkennt sie sich fast nicht wieder. So wunderschön, so strahlend steht sie im Morgenlicht der Sonne, mit funkelnden Tropfen im Haar und wie eingehüllt in goldenes Licht. Sie sieht selbst fast aus wie eine Fee. Völlig verzaubert dreht sie sich immer wieder um ihre eigene Achse, lacht und tanzt mit den Fee an ihrer Hand.  

Bis sie plötzlich die Stimme des Jungen vernimmt. Beinahe wäre der Zauber des Augenblicks vergangen, doch sie nimmt noch einmal beide Hände der Fee und schaut ihr tief in die Augen. Sie verabschieden sich voneinander und das Mädchen eilt zurück auf den Weg. Erstaunt sieht ihr der Junge entgegen, denn auch er nimmt ihr Strahlen wahr und sieht das Funkeln in ihrem Haar. Ihr dagegen scheint es, als käme sie aus einer anderen Welt. Einer Welt, die voller Zauber, voller Frieden, Freude und Liebe ist, einer Welt, die ihr gezeigt hat, was man alles sehen und erleben kann, wenn man seine Augen für das Besondere und vermeintlich Unmögliche öffnet.  

Fortan besucht sie regelmäßig ihre Freundin, die Fee, und erlebt mit ihr viele wunderschöne Stunden. Immer weiter erstrahlt sie in ihrem Licht und immer öfter trägt sie dieses Licht in ihre andere Welt – das Mädchen mit den Tautropfen im Haar.

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