Ein Gnom am Wiesenrand

Dort, wo der Weg beginnt, wo er sich mit der Wiese vereint, wohnt ein kleiner Gnom. Er kann von hier in alle Richtungen schauen und wenn er sich an den kleinen Grashügel lehnt, hat er den besten Ausblick weit und breit. Das ist oftmals auch seine Lieblingsbeschäftigung, dort kann er stundenlang sitzen, schauen und sich mit all jenen unterhalten, die an diesem Platz vorbeikommen. 

Er hat hier schon so einiges erlebt und beobachten können, hat mit den Hasen gesprochen, die allerdings oftmals sehr eilig an ihm vorbei hoppeln. Manchmal spürt er dann nur einen Windhauch, so schnell flitzen sie davon, immer mehr auf der Flucht vor Hunden oder dem Fuchs. Doch morgens, in der Dämmerung, kommt es schon ab und zu einmal vor, dass ein Hase etwas langsamer daherkommt, hier und da eine Pause einlegt und so auch ein Gespräch mit dem Gnom möglich ist. Darüber freut er sich immer sehr, bringt es doch etwas Abwechslung in seinen Tag und er liebt es, über alles Mögliche zu philosophieren.

Doch heute hat sich noch kein Hase blicken lassen und der Gnom ist etwas verstimmt. Ihm ist langweilig. Die raschelnden Mäuse, die neben ihm wohnen, haben keine Zeit, sich mit ihm zu unterhalten. So bleibt ihm im Moment nur, in den Himmel zu schauen und den Wolken hinterher zu sehen. Er träumt sich mit ihnen fort, fliegt weit nach oben und bereist ferne Gegenden. So gern wäre er einmal woanders, würde die Erde in all ihrer Vielfalt sehen wollen oder auch wie ein Vogel aus der Luft alles überblicken.

Missmutig reißt er sich von seinen Träumereien los und brabbelt vor sich hin. Man kann ihn murmeln hören und Satzfetzen wie „das geht doch sowieso nicht“ und „was du dir da alles zusammenreimst“ vernehmen. Vor lauter Frust beginnt er, sein Heim zu säubern und alles zu entfernen, was er nicht mehr benötigt. Und merkt dabei gar nicht, dass er schon seit einer Weile beobachtet wird. 

Gar nicht weit von ihm entfernt hat sich ein Mädchen niedergelassen und schaut ihm amüsiert zu. Schmunzelnd und fast loslachend sitzt sie da und plötzlich prustet sie laut los. Erschrocken hält der Gnom inne und schaut sich um. Er sieht das Mädchen, das da im Gras sitzt und sich vor Lachen ihren Bauch hält. Seine Stirn runzelnd fragt er: „Warum lachst du? Etwa über mich? Und wieso kannst du mich sehen? Kannst  du mich wirklich sehen?“ Erschöpft hält er inne.

Das Mädchen nickt und sagt: „Ja, ich sehe dich, ganz deutlich und ich musste einfach lachen, weil du so lustig ausschaust in deinem Groll. Doch sei mir bitte nicht böse, ich wollte dich keinesfalls auslachen. Ach übrigens, ich bin Maja.“ Der Gnom schaute sie mit großen Augen und offenem Mund an. „Und du siehst mich tatsächlich?“ Er schüttelt wiederholt seinen Wuschelkopf, besinnt sich dann und stellt sich ebenfalls vor: „Ich bin Wuschel.“ „Na, das passt ja.“ meint Maja und lächelt ihn an. Dann rückt sie etwas näher an ihn heran und fragt: „Warum hast du eigentlich so herum geschimpft?“ 

Wuschel erzählt ihr von seinen Träumen, schaut aber immer wieder vorsichtig in ihr Gesicht, ob sie ihn auch ja nicht auslacht. Doch Maja bleibt ganz ernst und meint zu ihm, dass sie ihn gut verstehen kann. Sie erzählt ihm auch, dass es für sie ebenfalls nicht leicht ist, weil sie viele Dinge sieht, die die Erwachsenen nicht wahrnehmen können und somit dann als Einbildungen abtun. Doch Maja weiß genau, was sie sieht und fühlt und dass all das wahr ist. So wie jetzt hier dieses Gespräch mit dem Gnom Wuschel.

Plötzlich erhellt sich Majas Gesicht und sie sagt zu Wuschel: „Ich weiß, wer dir helfen kann.“ Dreht sich um und ruft ganz laut: „Hallo, ihr lieben Engel, kommt bitte zu mir, ich brauche eure Hilfe!“. Wuschel schaut erstaunt zu, was sich da plötzlich tut. Eine Engelschar in wunderschönem goldenen Licht schwebt zu ihm hernieder. Er fühlt sich plötzlich ganz in dieses Licht eingehüllt und von ihm umfangen. Die Engel nehmen ihn in ihre Mitte und als er seine Sprache wiedergefunden hatte, spricht er seinen Wunsch aus. 

Maja, die Engel und Wuschel hoben sogleich ab und schwebten ganz sacht in den Himmel hinein. Wuschel fühlte sich so leicht, er spürte ein wunderschönes Glücksgefühl in sich und tiefen Frieden. Und was es hier alles zu sehen gab. Die grünen Wälder, tiefblaue Seen, weite Meere, große Wüsten, hohe Berge. Staunend betrachtete er die Erde von oben und genoß diese Reise so richtig. Nach einiger Zeit setzten die Engel ihn und Maja wieder auf der Erde ab, er setzte sich vor seinen Grashügel und schien noch ganz bei der Reise zu sein. Auch Maja ließ alles in sich nachklingen, lächelte still vor sich hin und spürte noch diese schönen Engelenergien. 

Wuschel schaute sie an und bedankte sich ganz herzlich bei ihr. Er fragte, ob sie ihn denn ab und zu wieder einmal besuchen würde. Maja nickte, ging zu ihm und legte sacht eine Hand auf seinen Kopf. Sie konnte ihn tatsächlich spüren und beide waren von diesem Moment tief ergriffen. Maja versprach, sich bald wieder sehen zu lassen und dann mit ihm wieder viele Gespräche zu führen oder auch eine Reise mit den Engeln zu unternehmen. Dann war es Zeit für sie, nach Hause zu gehen.

Wuschel saß an diesem Abend noch lange an seinem Hügel, schaute versonnen in den Himmel, der mittlerweile mit vielen Sternen übersät war und träumte von seiner Reise. Vielleicht konnte er ja auch einmal die Sterne besuchen? Über diesen Gedanken schlief er ein und glitt im Schlaf weiter in den nächsten Traum, einen Traum, den nur ein Gnom träumen kann…

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