Die Mondfee und der Sonnenengel

Die Nacht lässt alles in ihrer Dunkelheit verschwinden. Der Wald steht als dunkle Wand hinter dem Hügel. Der See plätschert geheimnisvoll und lässt sanft kleine Wellen an das Ufer schwappen. Es ist richtig dunkel, so dass man kaum die Hand vor Augen sehen kann. Am Himmel ziehen Wolken vorüber und lassen dem Mond erst einmal keine Chance, sein Licht zu verbreiten. Am Ufer des Sees aber bewegt sich etwas. Dort steht ein  hell schimmerndes Wesen und sinniert vor sich hin. Sie träumt davon, einmal die Sonne und das helle Licht zu sehen, von denen sie schon so viel gehört hat. Doch sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll. Ihre Zeit ist die Dunkelheit, hier lebt sie, hier fühlt sie sich wohl, das ist ihr zu Hause. Und sie hat auch etwas Angst, weil sie nicht weiß, was passieren würde, wenn sie die Sonne erblickt.

Ein Geräusch schreckt sie aus ihren Gedanken auf. Sie schaut sich um, doch kann in der Dunkelheit nicht sofort erkennen, wer das Geräusch verursacht hat. Es kam aber aus dem Wasser und wie ein Wunder, jetzt verzogen sich auch die Wolken, so dass sich das silberne Mondlicht im Wasser spiegeln konnte. Und da sah sie auch, dass ein Frosch sich zum Ufer bewegte und auf sie zugesprungen kam. „Warum stehst du hier so traurig herum, kleine Mondfee?“ fragte er. „Ach, weißt du, ich denke gerade darüber nach, wie ich es anstellen könnte, auch einmal die Sonne zu sehen und ihre warmen Strahlen zu spüren.“ sagte sie. Der Frosch blickte sie an und sah, wie traurig die kleine Mondfee auf das Wasser blickte. „Hm,… tja,… ich weiß auch nicht recht,…“ er überlegte hin und her, wie er der kleinen Mondfee helfen könnte. Doch ihm fiel nichts ein. 

Schau, wenn ich einfach hier sitzen bleiben und warten würde, bis die Sonne aufgeht,…“ „Ja, was passiert dann? Du weißt nicht, wie es dir damit geht. Bisher hat noch keine Mondfee die Sonne erblickt. Wenn sie nun zu hell und zu warm für dich ist?“ Der Frosch machte sich Sorgen, dass die kleine Mondfee etwas Unüberlegtes tun könnte und sich damit schaden würde. Auch wusste er nicht, ob es überhaupt möglich war, dass eine Mondfee, die bisher nur in der Dunkelheit gelebt hat, das helle Licht der Sonne vertragen würde. Da hatte er plötzlich eine Idee. Er sagte: „Hast du schon einmal vom Sonnenengel gehört?“ Die Mondfee verneinte. „Der Sonnenengel begleitet die Sonne, er wird wissen, ob es eine Möglichkeit für dich gibt, die Sonne zu sehen und ihr Licht zu atmen.“ „Au ja,“ rief die Mondfee. „Bitte frag den Sonnenengel danach. Ich werde hier solange auf dich warten, bis es wieder Nacht ist und du mir eine Antwort bringst.“ Der Frosch schmunzelte und freute sich, diese Idee gefunden zu haben. „Gut, so machen wir das. Ich muss jetzt zurück ins Wasser. Morgen Abend komme ich wieder und werde dir berichten. Bis dahin, leb´ wohl, kleine Mondfee.“ 

Der Frosch sprang zurück in den See und außer ein paar Wellen war bald nichts mehr von ihm zu sehen. Die Mondfee blieb zurück, lächelte vor sich hin und freute sich auf die nächste Nacht. Dann wanderten ihre Gedanken wieder zurück. Sie fragte sich, warum das wohl so sei, dass sie, eine Mondfee, nur in der Dunkelheit lebte und der Sonnenengel nur ihm Licht zurecht kam. War das überhaupt so? Oder ging es vielleicht doch anders und sie konnte den Sonnenengel vielleicht auch einmal kennen lernen? Sonnenengel, was für ein schönes Wort! Sie stellte sich vor, wie er, ganz golden umhüllt, mit durchscheinenden weißen Flügeln im Licht der Sonne auf und nieder tanzte. Ihr schien auf einmal so ein Leben viel schöner als ihres hier in der ewigen Dunkelheit.  Doch hier unterbrach sie ihre Gedanken und erhob sich. Sie wusste, die Nacht würde bald vorbei sein und für sie war es Zeit, sich zurückzuziehen, sich zum Schlafen in ihre kuschlige Höhle zu begeben und die Zeit, bis der Mond erneut am Himmel erschien, mit schlafen zu verbringen. 

Der Frosch wachte unterdessen auf, blinzelt ins erste Sonnenlicht und erinnerte sich daran, was er der Mondfee versprochen hatte. Er schaute nach oben, doch die Sonne war gerade erst aufgegangen und vom Sonnenengel noch nichts zu sehen. Da durchfuhr in ein Schreck. Er konnte ja gar nicht zum Sonnenengel gelangen, dieser war doch viel zu weit weg! Auch hatte er ihn bisher nur von weitem gesehen, seine Lichtspur verfolgt, doch bisher noch nie mit ihm gesprochen. Was sollte er tun? Er hatte es der Mondfee fest versprochen und sie wartete bestimmt ganz sehnsüchtig auf eine Antwort. Der Frosch grübelte vor sich hin und übersah völlig, dass auf seinem Weg eine Möwe stand, die er fast um hüpfte.  Erschrocken sprang er zur Seite, schüttelte über sich selbst den Kopf und wollte weiter. Doch die Möwe fixierte ihn mit ihrem Blick und fragte: „Warum bist du so abwesend?“ Der Frosch überlegte, ob er sich jetzt auf ein Gespräch einlassen sollte, doch da fiel ihm gleich etwas ein. „Ich habe etwas versprochen, was ich jetzt fast nicht einhalten kann.“ sagte er. Die Möwe schaute erstaunt und der Frosch sprach weiter: „Ich überlege, wie ich mit dem Sonnenengel in Kontakt kommen könnte.“ „Was willst du denn vom Sonnenengel?“ fragte die Möwe. „Ich brauche seinen Rat und habe eine Bitte an ihn.“ sagte der Frosch.  Die Möwe überlegte nicht lange. Sie bot ihm an, nach ihrem Frühstück hoch hinauf in Richtung Sonne zu fliegen und den Sonnenengel zu suchen. Sie wollte ihn bitten, mit herunter zum Teich zu kommen, dann könne er ja mit ihm reden. Der Frosch freute sich sehr, bedankte sich immer wieder und sah der Möwe hinterher. Diese drehte unterdessen ihre Runden, genehmigte sich etwas, um ihrem Magen zu füllen und fühlte sich jetzt stark genug, um hoch zur Sonne zu fliegen. Und sie hatte Glück, sie sah den Sonnenengel schon von weitem. Als sie sich ihm näherte, war sie plötzlich ganz in goldenes Licht gehüllt. Erfurchtsvoll schaute sie zu ihm und richtete ihm die Bitte vom Frosch aus. Der Sonnenengel lächelte, nahm die Möwe bei ihrem Flügel und gemeinsam schwebten sie hinunter zum See. Ganz verzaubert ließ sie das alles mit sich geschehen. Unten angekommen verabschiedete sie sich und spürte noch eine Weile diesen wunderschönen Energien nach. 

Der Frosch hatte die Ankunft der Beiden beobachtet und saß mit staunendem Blick am Ufer. Er war so fasziniert von der Energie und dem Licht des Sonnenengels, dass er vorerst kein Wort heraus brachte. Dann schüttelte er sich einmal kurz und fand seine Sprache wieder. Er erzählte dem Sonnenengel von der kleinen Mondfee und dass sie sich sehnlichst wünscht, auch einmal die Sonne zu sehen.  Der Sonnenengel lächelte still vor sich hin und lauschte den Worten. Dann nahm er den Frosch in den Arm und hüllte ihn mit seinem Licht ein. Er freute sich sehr, denn auch er hatte schon von der Mondfee gehört und in ihm entstand derselbe Wunsch, er wollte einmal die Nacht und das Mondlicht sehen, aber auch gleichzeitig die kleine Mondfee kennen lernen. Denn er spürte, dass da zwischen ihnen eine  Verbindung besteht. Doch wußte er bisher auch nicht so recht, wie das denn am besten anzustellen sei. Nun kam ihm der Frosch gerade recht und sie konnten gemeinsam überlegen, wie denn nun Mond und Sonne, Nacht und Tag zusammen gebracht werden könnten.  Darüber verging einige Zeit, doch so richtig voran kamen sie beide noch nicht. Der Sonnenengel war schon ganz traurig darüber, bis ihm einfiel, dass er ja einfach die Sonne um Hilfe bitten könnte. Also flog er nach oben ins Sonnenlicht und bat die Sonne, ihm zu helfen. Und tatsächlich, sie hatte eine Idee. Der Sonnenengel teilte diese dem Frosch mit und dieser sprang vor Freude in die Höhe. Sie verabredeten sich und nun wollte der Frosch so schnell wie möglich der kleinen Mondfee Bescheid geben. Doch etwas mußte er sich noch gedulden, der Tag war noch nicht zu Ende und die Mondfee schlief noch in ihrer Höhle. 

Als es dunkel wurde, wachte diese auf, rieb sich die Augen und sprang auf. Ihr fiel sofort ein, dass sie ja gleich den Frosch treffen wollte. Schnell rannte sie zum See und hätte ihn bald umgerannt, denn er saß auch schon am Ufer und wartete. „Hast du etwas erreicht?“ fragte die kleine Mondfee. „Ja.“ lachte der Frosch. „Ich habe mit dem Sonnenengel gesprochen…“ „Du hast ihn gesehen?“ unterbrach sie ihn. „Ja, und wir haben da eine Idee…“ Die Mondfee ließ ihn kaum zu Wort kommen: „Wie sieht er aus?“ fragte sie. „Wunderschön, golden, schimmernd … aber willst du nicht wissen, was wir besprochen haben ?“ „Doch, natürlich …“ 

Der Frosch erzählte ihr folgendes: es gibt an manchen Tagen eine Zeit, an der der Mond und die Sonne gemeinsam am Himmel stehen. In dieser Zeit wäre ein Treffen für beide möglich. Mit träumendem Blick saß die Mondfee da und lächelte… Der Frosch schaute etwas erstaunt, er hatte eigentlich eine euphorische Antwort erwartet. Doch jetzt sah es so aus, als wäre die Mondfee in ihren Gedanken tief versunken. Er schüttelte den Kopf und fragte: „Ist das jetzt in Ordnung so? Soll ich mich weiter darum kümmern und dir Bescheid sagen, wann es günstig ist?“ Die Mondfee nickte abwesend. Besann sich dann aber doch und umarmte den Frosch stürmisch. „Danke!“ hauchte sie und verfiel wieder in ihr Lächeln … Der Frosch schüttelte den Kopf, streichelte sie noch einmal kurz im Gesicht und sprang mit einem Satz ins Wasser.  

Die Mondfee schaute sich etwas erstaunt um und stellte fest, dass sie allein war. Sie wunderte sich über sich selbst, wieso fühlte sie plötzlich in sich so eine Wärme, so ein Vibrieren und gleichzeitig eine Unruhe? Immer wenn sie an den Sonnenengel dachte, wurde ihr ganz anders zumute. Doch sie kam auch nicht von diesen Gedanken los. So saß sie die ganze Nacht am See, blickte auf das Wasser, wo sich das Mondlicht spiegelte und träumte vor sich hin. Sie sah, wie sie gemeinsam mit dem Sonnenengel hoch oben am Himmel schwebte, er sie umfangen hielt mit all seiner Wärme und sie sich wunderbar geborgen fühlte… 

Nachdem einige Tage vergangen waren, kam eines Nachts der Frosch wieder ans Ufer und sah sofort, dass auch die Mondfee wieder an ihrer Lieblingsstelle saß. Sie schaute ihm erwartungsvoll entgegen. Er strahlte sie an und erzählte ihr, dass er noch einmal mit dem Sonnenengel gesprochen hatte. Für den nächsten Tag, also schon in ein paar Stunden, war das Treffen geplant. Die Mondfee sprang auf, tanzte freudig umher, bis sie sich plötzlich fallen ließ und traurig schaute. „Was hast du?“ fragte der Frosch. „Ich bin sicher gar nicht hübsch genug für den Sonnenengel. Er muss so schön sein in seinem goldenen Licht. Und ich? Mein Kleid sieht so durchscheinend aus, meine Haare sind silbrig, wo bleibt da die Schönheit und der Glanz?“  Der Frosch schüttelte verwundert den Kopf: „Du weißt gar nicht, wie schön du bist. Wenn der Mond dein Haar bescheint, dein Kleid glitzern lässt … und außerdem willst du doch den Sonnenengel kennen lernen, so wie er wirklich und wahrhaftig ist, oder?“ Die Mondfee nickte: „Du hast ja Recht.“ Abermals sprang sie auf, lief zum Wasser und schaute noch einmal ihr Spiegelbild an. Doch, der Frosch hatte Recht, sie sah wunderschön aus in ihrem Silberglanz. Entschlossen drehte sie sich um. „Wir können.“ sagte sie. 

Es wurde langsam hell, die Sonne ging auf und die kleine Mondfee bestaunte, wie wunderschön, hell und warm sich die Strahlen anfühlten. Sie badete in ihrem Licht, drehte sich, schloss die Augen und genoss die Wärme auf ihrem Haar. So merkte sie auch nicht, wie sich ihr ganz sacht der Sonnenengel näherte. Er war fasziniert von ihr, sie zog ihn magisch an und so landete er genau vor ihren Füßen. Die kleine Mondfee öffnete die Augen und schaute geradewegs in die goldenen Augen des Sonnenengels. Sie versank in seinem Blick. Beide schienen miteinander zu verschmelzen.  Sie nahmen sich bei der Hand und ließen sich hinauf in die Weite des Himmels tragen. Gemeinsam vollführten sie einen Tanz der Farben, Gold mischte sich mit Silber, warm mit kalt, funkelnde Glitzer aus Mondstaub mit strahlenden Sternen aus Sonnenlicht. Ein einziges Lichtermeer umschwamm sie beide und sie tanzten in dieser Energie. Der Frosch sah von unten ganz verzaubert zu und begriff, was da Großes geschehen war. Die Vereinigung aller Gegensätze. Er spürte, alles war plötzlich eins, alles ergänzte sich, alles war gut so, wie es war. Alles war möglich. 

Die Mondfee und der Sonnenengel tanzten solange, bis es Zeit war, vorerst wieder auseinander zu gehen. Beide spürten, dass sie ganz eng miteinander verbunden waren, sie fühlten die Energie des anderen und sie wussten, das war nicht ihr letzter gemeinsamer Tanz. Es wird noch viele Tage geben, an denen sie sich treffen und wieder zusammen in den Himmel fliegen würden, die kleine Mondfee – silbern glänzend und der Sonnenengel – gold strahlend.

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