Die Feder des Falken

Halb versteckt, im Gras liegend, fand ich sie. Eine Feder, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Doch war da sofort ein Gefühl, das mir sagte, es sei ein Falkenfeder. Ich sah sie an und ließ mich entführen in eine bezaubernde, andere Welt. Ich lasse die Feder erzählen:

Einst, vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch mit und in der Natur lebten, wohnte ein junger Mann am Rande einer Siedlung. Seine Eltern lebten nicht mehr. Er hatte sich in seinem Haus so gut es ging eingerichtet und lebte von dem, was ihm die Natur schenkte. Oft war er im Wald und auf den Wiesen unterwegs, sammelte Beeren und Nüsse und erlegte so manches Tier, das ihm als Nahrung dienen sollte.

Eines Tages hörte er den Ruf eines Vogels. Weit oben stand er, bewegte sich kaum am strahlend blauem Himmel. Sein Schwanz zitterte ein wenig, doch er stand und spähte mit seinen scharfen Augen nach seiner Beute. Der junge Mann beobachtete den Vogel und verfolgte fasziniert, was dann geschah. Der Falke stürzte sich plötzlich hinunter, um seine Beute zu fassen. Doch irgendetwas schien ihn abgelenkt zu haben. Er verfehlte sie, drehte ab und verschwand im Dickicht der Bäume. Verträumt stand der junge Mann immer noch am selben Platz. Tief im Herzen spürte er eine Berührung, die er sich nicht erklären konnte. Sein verklärter Blick schärfte sich und er ging langsam in Richtung der Bäume, hinter denen der Falke verschwunden war. Plötzlich stolperte er, sah nach unten und fand eine Feder im Gras. Ihre wunderschöne Zeichnung ließ seinen Blick immer wieder zu ihr schweifen. Es schien ihm, als ob sie in seiner Hand vibrieren würde. Er blieb stehen und schaute auf seine Hand. Tatsächlich, die Feder bewegte sich. Verwirrt schüttelte er den Kopf und ging weiter.

Als er später auf der Bank vor seinem Haus saß und seine Blicke in die Ferne schweifen ließ, spürte er wieder diesen Zauber, der von der Feder auszugehen schien. Er nahm sie behutsam in die Hand und schaute sie an. Plötzlich vernahm er eine Stimme, die zu ihm sprach. Er sah sich um, doch da war niemand, nur die Feder in seiner Hand, die wieder zu vibrieren begonnen hatte. Es fühlte sich fast so an, als wolle sie ihm ein Lied singen. Ein Lied, von alten Weisen, altem Wissen und dem, was einst geschah. Er schloss die Augen und lauschte:

Weit oben am Himmel,
den Blick geschärft,
die Sinne offen und weit,
fliege ich dahin.

Ich sehe dich,
sehe die Welt
und weiß,
sie wird bald so nicht mehr sein.

Folge meiner Stimme
und schau
was sich dir
in deinen Träumen zeigt.

Folge dem Weg deiner Seele,
denn nur dieser Weg ist richtig!
Folge den Worten deines Herzens,
denn sie sind es, die dich führen!

Folge den Zeichen des Himmels,
denn sie zeigen dir, dass du nie allein bist!
Folge dem Lied, dass tief in dir klingt,
denn es ist deins, ganz allein!

Der junge Mann lauschte weiter der Stimme, die ihn zu verzaubern schien. Was wollte sie ihm sagen? Diese Stimme, diese Feder, es schien, als sei sie aus einer Zeit zu ihm gekommen, die voller Magie und Mystik war. Er schloss seine Augen und ließ sich fort tragen in diese Welt …

Die Falkenfeder hat etwas in ihm berührt und geöffnet. Er wurde sich einem Teil seines Herzens bewusst, den er vergessen und vernachlässigt hatte. Dieser Teil seines Herzens wurde weit und offen, so dass er fortan mit einem neuen Blick durch seine Wälder und Wiesen streifte, immer auf der Suche nach neuen Inspirationen. Die Feder aber trug er bei sich, sie zierte seinen Hut und wippte fröhlich bei jedem Schritt auf und nieder. Der junge Mann lernte, seinem Herzen zu folgen und mit der Zeit all dem zu vertrauen, was aus seinem Inneren zu ihm sprach … und der Falke schaute ihm manchmal von oben zu, wenn er wieder auf der Suche nach seiner Beute am klaren Himmel stand. Es war fast, als ob er lächelnd herunter blickte und sagen wollte: „Eine Feder kann ebenso wichtig sein wie jedes Wesen hier auf der Erde. Bewusstheit und Offenheit genügen, um das zu verstehen!“ Und so flog er von dannen, laut rufend und vielleicht auch wieder eine Feder hinterlassend …

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